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Paraguays "Geschichte"

Kolonialzeit von 15.-18.Jahrhundert

 
 
 
Guaraní-Indianer

 

 
Utopia im Urwald

Befreite Theologie lange vor der Befreiungstheologie: Auf den Spuren der Jesuiten in Paraguay, die dort 1609 ihr einzigartiges Missionswerk begannen.

Skulpturen und Kirchen erinnern noch heute an die Jesuitenzeit

Skulpturen und Kirchen erinnern noch heute an die Jesuitenzeit

Wo die Musik spielt im Armenhaus Südamerikas, da ist Chávez nicht weit. An diesem Sonnabend warten die Indianer von Armonia im Nordwesten Paraguays auf ihn. 40 Familien aus dem Chaco haben sich in der Siedlung nahe der bolivianischen und der argentinischen Grenze zusammengeschlossen. Sie kamen aus den Wäldern und schlagen sich inzwischen mit Tagelohn, Kleintierhaltung und Feldarbeit durch. Kontakte mit der Außenwelt haben sie nicht gesucht. Bis sie den Brief schrieben, den Chávez las.

Schüchtern stehen sie da, der Lehrer Oswaldo vorweg, die Schulkinder hinter ihm. Oswaldo ist zugleich der Kazike von Armonia, also der "Häuptling". Doch kaum einer versteht sich so gut darauf, Urbevölkerung und Armen die Scheu zu nehmen, wie Chávez - Favio Chávez, 33-jähriger Umweltingenieur und Musiker aus Leidenschaft.

Er schüttelt die Hände, seine Begleiter ziehen die Plane vom Pick-up. Dort oben ist ein kleines Orchester ohne Musiker versammelt. Zupf- und Streichinstrumente lugen aus Kisten und Kartons. Schon steht Chávez auf der Ladefläche und schwingt eine der Gitarren. Ihretwegen haben die Indianer an das von Paraguay aus gestartete Musikprojekt Sonidos de la Tierra (Klänge der Erde) geschrieben. Vier Gitarren und dazu Lernhilfen wünschte Oswaldo für seine besten Musikschüler. Das sind drei Mädchen im Teenageralter und ein kleiner Junge, der sein Glück und die Gitarre kaum fassen kann.

Der Pulk zieht in den Schulraum. Chávez klemmt sich in eine Bank und stimmt die Gitarren. Bernarda, die 39-jährige Ordensschwester aus seinem Team, erklärt dem Schulleiter, was durch seine Unterschrift rechtsgültig wird: dass die Instrumente im Gemeindebesitz bleiben und den Kindern nicht mitgegeben werden dürfen, dass eine Lehrerin aus der Stadt jede Woche für vier Stunden kommen wird, dass der Kazike seine Schüler zum Üben anhalten muss.

Chávez beginnt zu spielen, reicht auch Oswaldo eine Gitarre. Plötzlich ist alle Scheu verflogen. Im Duett spielen der Ingenieur aus der fernen Hauptstadt Asunción und der Indianer aus dem Chaco Lautenmusik von Johann Sebastian Bach.

Chávez und Oswaldo haben sich an diesem Tag zum ersten Mal gesehen - und doch sind beide Wiedergänger einer gemeinsamen Geschichte, die vor genau 400 Jahren begann. Damals waren es jesuitische Padres, die sich vom Jahre 1609 an aus Asunción in die Urwälder Paraguays und die benachbarten Regionen der heutigen Staaten Brasilien, Bolivien, Argentinien und Uruguay aufmachten.

Was sie vollbrachten, nannte später selbst der bissige Kirchenfeind Voltaire einen "Triumph der Menschlichkeit". Die spanische Krone hatte diesen Geistlichen gestattet, Missionssiedlungen fernab der damaligen Städte zu gründen, um die Indianerstämme nicht nur für den Glauben zu gewinnen, sondern auch vor Sklavenjägern und der Leibeigenschaft auf den Plantagen der Siedler zu schützen. Auf ihren Kanufahrten durch den Dschungel begannen die Missionare schon bald, Gesänge anzustimmen. Sie hatten entdeckt, dass ihre Musik die Indianer unwiderstehlich anzog.

Es war nicht die Musik allein. Die Jesuiten kamen ohne alle Waffen. Lernten als Erstes die Sprache der Ureinwohner, verfassten Wörterbücher und Grammatiken. Aus den Dialekten des bis dahin verstreut lebenden Volkes der Guaraní schufen sie eine einheitliche Schriftsprache. Alle Kinder lernten lesen und schreiben. In ihrer Muttersprache und in Spanisch. Das Guaraní ist heute die Landessprache Paraguays neben der spanischen Amtssprache.

Die Padres erkannten auch bald, dass ihr freundliches, aber eher träges Indiovolk weder zu Privatinitiative noch zu profitorientiertem Denken neigte. Wenn die Guaraní jedoch Gemeinschaftsarbeit nach alter Stammestradition verrichteten, steigerten sie ihre Leistung sofort. Um die zu stimulieren, setzten die Missionare wieder Musik ein. Mit Trommeln und Posaunen ging es auf die Felder. Kirchenfeiern wurden zu üppigen Sängerfesten. In kürzester Zeit verstanden es die Indianer, europäische Musik meisterhaft zu spielen. Ihre Chöre und Orchester führten schwierige achtstimmige Vespern, Messen, ja sogar Opern auf.

So wurden mit Musik aus Lehmhütten Steinhäuser, aus Siedlungen kleine Barockstädtchen mit Kirchen, gepflasterten Straßen, umgürtet von Äckern, Pflanzungen, Rinderherden, Gewerbebetrieben. Je zwei Missionare lenkten die Geschicke von 1000 bis 5000 Indios, deren Gemeinderat von ihren Kaziken ausgewählt wurde. In den agrarischen Großkommunen, die Geld nicht einmal dem Namen nach kannten und mit Tauschhandel auskamen, gab es bald Weber und Gerber, Müller und Schlosser, Krankenpfleger, Orgelbauer, Bildhauer.

In den sogenannten Jesuitenreduktionen (vom spanischen Wort reducír, zusammenführen) lebten im 17. und 18. Jahrhundert schließlich fast 200.000 Indianer in innerem Frieden und relativem Wohlstand - während im übrigen Amerika und in Europa Scharen von Bettlern und Armen durch die Lande zogen. Ökonomen nannten den "Jesuitenstaat von Paraguay" das "einzige Industrieland Südamerikas".

Sein Sozial- und Rechtswesen war der damaligen Zeit - nach Ansicht späterer Autoren - um 200 Jahre voraus. Montesquieu urteilte über die kleine Theokratie mit indianischer Selbstverwaltung: "Indem sie die Verwüstungen der Spanier wiedergutmachte, begann sie eine der schwersten Wunden zu heilen, welche die Menschheit je empfangen hat."

Die Wunden heilten 160 Jahre lang, wenn auch unter großen Opfern. Die Plantagenbesitzer hassten die Jesuiten schon bald, weil sie die Indios nicht mehr in das System der Leibeigenschaft pressen konnten. Die Kaufleute von Buenos Aires und anderen Umschlagplätzen wurden neidisch auf die hohe Qualität der Exportwaren aus den Reduktionen. Die Händler waren den Missionaren spinnefeind, seit sie Geschäfte mit den arglosen Ureinwohnern nur noch unter dem wachsamen Blick der Jesuiten machen durften. In das Paradies der Missionsdörfer brachen häufig "Paulistas" ein. Diese Männer - Nachkommen portugiesischer Einwanderer, die in São Paulo Verbindungen mit entlaufenen afrikanischen Sklavinnen und Tupi-Indianerinnen eingegangen waren - lebten von Überfällen auf Indianersiedlungen. Sie verkauften die Gefangenen in Käfigen auf den Märkten.

In ihrer Not erwirkten die Missionare vom Hof in Madrid, dass sie Schutztruppen aufstellen durften. Ein königlicher Erlass gestattete den Reduktionen, Arsenale für Waffen und Munition einzurichten. Spanische Offiziere bildeten die Zöglinge der Padres an Feuerwaffen aus. Zur stärksten Wehr wurde die indianische Kavallerie, die 1641 die Paulistas vernichtend schlug.

In den folgenden hundert Jahren forderten spanische Gouverneure die Reduktionstruppen mehr als 50 Mal an: gegen eigene aufsässige Siedler ebenso wie zum Schutz der Grenzen gegen Portugiesen oder britische Eindringlinge. Noch 1743 rühmte Philip V., Spanien habe in den überseeischen Besitzungen keine loyaleren Untertanen als diese Indianer.

Doch der Hass der Plantagenbesitzer auf die Missionare erhielt Beistand von konkurrierenden kirchlichen Autoritäten in Spanien, aber auch von Europas Aufklärern, denen die Jesuiten als Handlanger eines herrschsüchtigen Katholizismus galten. 1767 redeten Intriganten am Madrider Hof dem schwachen Monarchen Karl III. ein, die Jesuiten wollten ihn vom Thron stoßen.

Am Morgen des 3. Juli 1767 um 2.30 Uhr wurden in Asunción die Padres der Hauptstadt zusammengetrieben, um sie nach Europa zu verfrachten. Der König hatte ein Dekret erlassen, das über alle Jesuiten der Kolonien die Verbannung verhängte. Insgesamt jagten die spanischen Soldaten 2617 Missionare aus ganz Lateinamerika auf die Schiffe. Viele ältere Priester, 200 an der Zahl, überlebten die Deportationen nicht. Die meisten ihrer Indianer kehrten in die Wälder zurück; denn Spanier strömten in die ihnen bis dahin verbotenen Reduktionen und rissen alle Güter an sich. Die Kirchen verfielen. Die Barockmusik geriet in Vergessenheit. Die Partituren galten als verloren.

1972 renovierte der Architekt Hans Roth aus der Schweiz eine Kirche im einstigen Missionsgebiet Chiquitos in Bolivien. Dem Restaurator fiel auf, dass die Indianer vor dem Chorgesang alte Bücher aus einer Kiste auf Notenständer stellten. Nur konnten sie keine Noten lesen und so auch den Sinn ihrer Mühe nicht erfassen. Sie bewahrten als Ritual auf, was ihre Vorfahren einst von den Missionaren real gelernt hatten. Roth inspizierte die Kiste und entdeckte Stapel von vergilbten Notenblättern. Es waren Partituren der als verschollen geltenden Werke, welche die Jesuiten komponiert und mit den Indios aufgeführt hatten.

Besonders wertvoll machten die Schatztruhe Kompositionen des einst gefeierten Italieners Domenico Zipoli (1688 bis 1726). Schon als 23-Jähriger war er Organist der ersten Barockkirche in Rom, der Chiesa del Gesú, gewesen. In Europa machten ihn seine Sonate d'Intavolatura berühmt. Doch mit 28 Jahren kehrte er Italien und seiner Karriere den Rücken.

Über die Motive gibt es verschiedene Spekulationen; gesichert ist nur, dass er im südamerikanischen Córdoba Philosophie studierte, um Jesuitenpater zu werden. Doch konnte er die erwünschte Priesterweihe nicht erlangen, weil der dortige Bischofssitz vakant war. So schuf der Komponist Messen, Vespern und Orgelstücke für die Missionssiedlungen. Einiges davon fand sich in der abgelegenen Kirche wieder, vermengt mit Tausenden Seiten anonymer Partituren.

Heute ist es der 53-jährige Luis Szarán, Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters von Asunción, der sich um die Funde aus den Reduktionen kümmert. Er bearbeitete nicht nur Zipolis Werke neu und nahm alle lesbaren Kompositionen auf. Wichtiger noch für Paraguay und andere arme Länder: Szarán begann, dieses utopische Kapitel Kolonialgeschichte für die Gegenwart zu nutzen. "Ich fahre von Dorf zu Dorf", sagt der Dirigent, "und ermutige die Familien über die lokalen Radiostationen, schon ihre Kleinen auf Musikschulen zu schicken. Wer im Orchester sitzt, lernt Disziplin, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit."

In 60 Städten und Dörfern sind Musikschulen entstanden mit rund 80 Zweigstellen in Slums oder abgelegenen Siedlungen wie Armonia. 10.000 Kinder und Jugendliche haben Szarán und seine Mitstreiter - wie die deutsche Jesuiten-Repräsentantin Gisela von Thümen - inzwischen in Chören und Orchestern zusammengeführt.

Das Zentrum der Kunst bildete das Barockstädtchen Santa María de Fé. 1688, achtzig Jahre nach Beginn der Jesuitenmission, lebten hier bereits 5000 Guaraní. Es waren im Lauf der 160 Jahre insgesamt etwa 1500 vor allem spanische, argentinische und italienische Ordensleute, die in den locker verbundenen Reduktionen die geistlichen und weltlichen Ämter lenkten. 112 Padres kamen zwischen 1609 und 1767 aus dem deutschsprachigen Raum.

Der Bedeutendste unter ihnen war Antonio Sepp aus Südtirol, der lange Santa María de Fé betreute. Von seinem Wirken zeugen noch einige Skulpturen in den vormaligen Werkstätten. Fast alle Heiligen dort erscheinen als wundersame Hybriden des europäischen Barockstils und indianischer Gestaltung. Viele tragen die asketischen Gesichtszüge iberischer Meister, während ihre Gestalt mit kurzen Oberschenkeln und kräftigen Waden die Schnitzkunst der Indios verrät.

Hatten sich die Indianer auch andere Künste angeeignet? Pater Bartolomeu Meliá in Asunción, der als der beste Kenner der Reduktionen gilt, erforscht die vielen noch erhaltenen Schriften nicht nur auf religiöse, sondern auch auf literarische und politische Inhalte. Dabei ist der gebürtige Spanier auf ein Kriegstagebuch von 1702 gestoßen, als die Reduktionsindianer gegen sie bedrohende Kolonisten zu Felde gezogen waren. "Dieser von einem Indio in Guaraní verfasste Bericht", urteilt der Pater, "ist höchst originell und von geradezu literarischer Qualität."

Überlegen waren die Ureinwohner den europäischen Missionaren schon damals auf einem anderen Feld: dem Fußballplatz. Zwar sind die Spielregeln nicht überliefert, doch berichten zwei Priester aus dem 18. Jahrhundert: "Diese Barbaren spielen den Ball noch immer mit dem Fuß statt mit der Hand - aber meisterlich!"

Dreißig Kilometer nordöstlich der Grenze zu Argentinien liegt Trinidad. 1706 gegründet, war hier die größte aller 30 Missionsstätten im Raum des heutigen Paraguay. Die weitläufige Anlage mit den roten Steinruinen lässt den Glanz der Reduktionen ahnen, die den spanischen Städten jener Region von der Architektur bis zum Gesundheitswesen weit überlegen waren.

10.000 Indios versahen hier Matetee-Anpflanzungen, Zuckerrohrfelder, Viehfarmen, bauten neben Spinett- und Orgelwerkstätten eine Ölmühle und eine mächtige Kirche. Auf ihren noch erhaltenen Fries setzten sie 62 pausbäckige Engel, die mit Geigen und Flöten, mit Pauken und Trompeten einer Art himmlischem Karneval mitten im Urwald frönten. "Wir haben hier Trompeten und Uhren gemacht, die denen von Augsburg und Nürnberg in nichts nachstehen", schrieb ein Jesuit nach Europa. "Unsere Indianer können jedes Ding haargenau nachmachen, sofern sie nur ein Modell davon haben."

Hatten die Missionare ein Modell? Sollte ihr "Jesuitenstaat" zum Vorbild einer künftigen Gesellschaftsordnung werden? Theoretiker früherer Generationen sahen in ihm immerhin Züge der "Utopia" des Thomas Morus oder der civitas solis eines Tommaso Campanella. Bodenreformer des 19. Jahrhunderts priesen die Landverteilung, Sozialisten das Kollektiveigentum an Produktionsmitteln.

Bartolomeu Meliá schüttelt den Kopf. "Die Jesuiten boten den Indianern eine begrenzte technische Revolution", sagt er. "Daraus entstand eine Zukunftsvision für Missionen. Doch die Padres entwickelten die Gemeinden nicht nach einem Plan. Es war ihre pragmatische Anpassungsbereitschaft, mit der sie eine kulturelle und soziale Ordnung schufen, die von Gleichheit geprägt und der regionalen Kolonialwirtschaft überlegen war."

Jeder Indianer erhielt, verteilt vom Kaziken, ein Stück Boden zu eigen, groß genug, um eine Familie zu ernähren. Dazu gab es Land, das der Gemeinde gehörte und von allen zusammen bebaut wurde - für Arme, Witwen, Waisen und Notzeiten. Dass sich die Missionare die wirtschaftlichen Entscheidungen dabei wie wohlgesinnte Gutsherren vorbehielten, dass ihr Paternalismus die Indianer zwar zur Selbstverwaltung, nicht aber zur Selbstständigkeit führte, haben ihnen später nicht nur die Gegner vorgeworfen. Doch hätte eine solche Förderung auch den Rahmen der alten kollektiven Stammesordnung gesprengt. Die Guaraní wären - wie so viele historische Beispiele gezeigt haben - unter dem Verlust ihrer sozialen Identität chancenlos in den längst schon individualisierten Konkurrenzkampf der Europäer gedrängt worden.

Weil vor dessen brutalen Auswüchsen immer mehr Indios aus der Wildnis in die Reduktionen flohen, arbeiteten die Padres bis 1628 ein regelrechtes Gesetzbuch aus. Der Strafvollzug war eher milde, bei den üblichen Vergehen gab es Stockschläge, die der indianische Corregidor (Bürgermeister) auf dem Hauptplatz verabreichte. Todesstrafe und Folter waren abgeschafft, ebenso Hexenprozesse und Ketzerverbrennungen. "Die Reduktionen sind das goldene Zeitalter Paraguays", meint der Präsident des Landes und frühere Bischof Fernando Lugo gegenüber der ZEIT. "Sie praktizierten die Theologie der Befreiung, lange bevor deren Theorie geboren wurde."

Dass Ureinwohner heute überall - so wie einst von Sklavenjagden - vom Bodenraub durch Ölgesellschaften, Sojaanbau und Massenviehzucht bedroht werden, legitimiert den Eifer, mit dem die jungen Leute um Luis Szarán das Erbe der Jesuiten instrumentalisieren.

Chávez kommt. Diesmal sind es gut situierte Weiße, die auf ihn warten. Die Kirche in Valenzuela, 50 Kilometer östlich von Asunción, ist voll. Favio Chávez tritt vor den Altar, setzt sich zu den in feierliches Schwarz gekleideten Musikern und gibt den Ton an. Er ist der Konzertmeister des jungen Kammerorchesters. Es beginnt mit dem Frühling aus Vivaldis Vier Jahreszeiten.

Das ist ein etwas rauer Frühling. Kein Wunder: Die Querflöten sind aus Eisenrohren. Die Klarinette hat Klappen aus Kronkorken. Pfannen und Töpfe haben findige Hände zu Violinen gelötet. Ein Ölfass dient als Kontrabass. Auch Dosen, Tischbeine, Kochlöffel verhelfen der Barockmusik zu derben, aber nicht dissonanten Klangfarben.

Bis auf die Saiten stammen die Instrumente von der Mülldeponie Cateura. Sie liegt im Schwemmland des Río Paraguay, in das sich bei Regen die Abwässer der Hauptstadt ergießen. 2500 Menschen siedeln an den verschlammten Wegen und klauben ihren Lebensunterhalt aus Abfällen. Tüftler von dort schmolzen die erste Violine aus einer Kasserolle, kamen zum Musikprojekt Sonidos de la Tierra und boten an, Instrumente aus Schrott zu basteln. Luis Szarán, der Dirigent, sah seinen Einsatz belohnt.

Doch dann legt das kleine Orchester die Abfallprodukte zur Seite und spielt Beethovens Ode an die Freude auf "richtigen" Instrumenten. Von denen sind etliche inzwischen auch schon auf der Müllhalde gebaut worden. Gleich jenen Gitarren, die Favio Chávez in der Woche zuvor den Indianern von Armonia gebracht hatte. Und es ist, als kehrte die Musik heim - an einen Ort, an dem sie zu Hause ist.


Quelle: Die Zeit Online, 29.12.2009

 

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